Eine Nachwuchs-EM ohne Nachwuchs

Bei der U21-Europameisterschaft in Polen ist ein Großteil der Spieler bereits 23 Jahre alt. Viele davon haben schon einige Einsätze in der A-Nationalmannschaft vorzuweisen und spielen in großen Liga - manche als Stammspieler. Eine Perspektive bietet das Turnier für junge, aufstrebende Talente kaum.

Eine Nachwuchs-EM ohne Nachwuchs
Die U21-EM in Polen: Ein Turnier ohne Perspektive für junge Spieler? (Quelle: Getty Images)

In Polen findet derzeit die U21-Europameisterschaft statt, an der wie gewohnt die großen Fußballnationen Deutschland, Spanien, Italien und England teilnehmen. Insgesamt zwölf Mannschaften, aufgeteilt in drei Vierer-Gruppen, spielen gegeneinander um den Titel des U21-Europameisters. Die Gruppensieger ziehen in das Halbfinale ein, der beste Zweitplatzierte aller Gruppen kommt ebenfalls weiter. Die anderen sind ausgeschieden.

„ARD“ und „ZDF“ übertragen die Spiele mit deutscher Beteiligung, alle anderen laufen bei „Sport1“. Die Einschaltquoten sind überschaubar: Zum Eröffnungsspiel schalteten über eine halbe Millionen Zuschauer ein, zum Spiel zwischen England und Schweden 390.000. Spanien gegen Mazedonien lockte 370.000 Zuschauer vor den Fernseher. Portugal gegen Serbien (2:0) sahen nur noch 250.000. Den deutschen Auftakt bejubelten allerdings über drei Millionen, das entspricht einem Marktanteil von 19,1%. Im Stadion in Tichau im Westen des Landes sahen etwa 15.000 Menschen das Spiel - fast ausverkauft. Die Zuschauerzahlen sind gut, denn die meisten Stadien sind zu den Spielen mit nur wenig freien Plätzen gut gefüllt. Immerhin machen die mitgereisten Fans gute Stimmung. 

In den Mannschaften der „Großen“ sind zum Teil namenhafte Spieler dabei, die auch schon Einsätze in der ersten Elf vorzuweisen haben. So feierte beispielsweise Renato Sanches vom FC Bayern München sein Debüt für die portugiesische U21-Nationalmannschaft, und das bei schon 13 Herren-Einsätzen. Der Spanier Héctor Bellerín vom FC Arsenal stand in der Saison 33 Mal in der englischen Premier League auf dem Platz. Sein Markwert beläuft sich laut „transfermarkt.de" auf 25 Millionen Euro. Auch die Deutschen haben einige Spieler im Kader, die in der Bundesliga schon Erfahrungen gesammelt haben und teils zu den Stützen in ihrem Team zählen. Serge Gnabry hatte einen maßgeblichen Anteil daran, dass der SV Werder Bremen in der Rückrunde nicht mehr im Abstiegskampf spielte und sich beinahe noch für das internationale Geschäft qualifizierte. Vor wenigen Tagen unterzeichnete er einen Vertrag beim FC Bayern München. Mahmoud Dahoud zog mit seinen Leistungen mehrere Interessenten auf sich und wird ab kommender Saison für Borussia Dortmund spielen. Insgesamt 28 Bundesliga-Spiele machte er für Borussia Mönchengladbach in dieser Saison. Die Liste der erfahrenen Spieler ist lang. Viele warten also längst nicht mehr auf ihren Durchbruch, für sie ist das Turnier kein Schaulaufen mehr, bei dem sie sich für größere Aufgaben empfehlen können. 

Doch das sollte das eigentliche Ziel sein. Im Trikot der Nationalmannschaft auf sich aufmerksam und einen Namen machen. Doch Aufmerksamkeit und Namen sind aber schon da. Die Startaufstellung der Spanier beim Auftaktspiel kam in dieser Saison zusammengerechnet auf unglaubliche 299 Einsätze - im Durchschnitt sind das etwa 27 pro Spieler. Und das in der höchsten spanischen, deutschen und englischen Liga. Kein Wunder, dass die UEFA damit wirbt. „Die Stars von heute, die Superstars von morgen!“ steht auf den Team-Bussen geschrieben. Von „Männerfußball“ sprach ein „Sport1“-Kommentator.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zahlreiche Spieler über 21

Obwohl der Name des Turniers „Unter 21-Europameisterschaft“ lautet, haben eine Vielzahl der Spieler diese Grenze schon erreicht. Die UEFA gibt nämlich vor, dass die Spieler, die mit Beginn der Qualifikation das 21. Lebensjahr noch nicht abgeschlossen haben, auch spielberichtigt sind. Im diesjährigen Turnier ist der Stichtag der 1. Januar 1994: Jeder, der an diesem Tag oder danach geboren ist, darf teilnehmen. Damit sind etwa die Hälfte der Spieler schon 23 Jahre alt und lange nicht mehr "U21". Grund dafür ist, dass die Qualifikation für das Turnier schon 2015 begonnen. Doch was für einen Sinn hat die Bezeichnung U21-EM dann noch? Und was bringt das Turnier an sich überhaupt?

Auch wenn das Turnier nur zwei und nicht wie die meisten Fußballturnieren vier Wochen dauert, haben die teilnehmenden Spieler kaum Sommerpause. Gerade für diejenigen, die auf hohem Niveau in einer starken Liga Stammspieler sind, ist das eine hohe Belastung. Der Modus des Turniers ist neu - und ungewöhnlich. Zwei Drittel der Mannschaften scheiden nach der Gruppenphase aus, und nicht so wie bisher üblich die Hälfte (die EM 2016 mal ausgenommen). So nimmt man den Spielern, die den Durchbruch noch nicht geschafft haben, die Chance, sich zu präsentieren. Ganz zu schweigen davon, dass im Herrenbereich erfolgreiche Nationen wie Belgien, Frankreich oder die Niederlande bereits in der Qualifikation gescheitert sind. 

Das Turnier sollte jungen Spielern die Chance bieten, sich der Fußballwelt und den zahlreichen angereisten Scouts zu präsentieren. Aber das funktioniert nicht: Die Spieler der „kleinen“ Nationen können erst auf sich aufmerksam machen, wenn sie gute Ergebnisse einfahren und überraschen - die Gruppenphase überstehen. Wenn die „Großen“ wiederum mit Spielern anreisen, die auch eine wichtige Rolle in der A-Nationalmannschaft spielen könnten, ist das quasi unmöglich. Der Sinn erschließt sich nicht.